Japan hat gegenwĂ€rtig etwa 128 Millionen Einwohner; 28.2 Millionen davon sind Senioren, d.h. Personen, die 65 Jahre alt und Ă€lter sind. Ihr Anteil betrĂ€gt 22 % der Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1950, also vor knapp 60 Jahren, lag der Prozentsatz dieser Altersgruppe nur bei 5 %. Im Jahre 1970 ĂŒberstieg er 7 % und im Jahre 1994 bereits 14 %.
In Japan ist nun ĂŒber ein FĂŒnftel der Bevölkerung 65 und Ă€lter, ĂŒber ein Zehntel ĂŒber 75 Jahre alt.
Wenn im Durchschnitt lÀnger leben als erwartet, dann zeugt das zunÀchst von medizinischem und wirtschaftlichem Fortschritt. Doch was passiert, wenn Menschen lÀnger leben, als sie es sich leisten können? Sie laufen höchstwahrscheinlich Gefahr, in den letzten Jahren ihres Lebens nicht mehr ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Dieser demographische Tatbestand hat auch fĂŒr die KriminalitĂ€tsentwicklung sowie die Behandlung und Resozialisierung StraffĂ€lliger eklatante Folgen.
Ein auffallendes Charakteristikum der heutigen KriminalitĂ€tsentwicklung in Japan ist folgendes: wĂ€hrend die Straftaten, die von Jugendlichen begangen werden, immer mehr zurĂŒckgehen, neigen die Ă€lteren JahrgĂ€nge vermehrter zu Straftaten als dies frĂŒher der Fall war. Es mag sich bei den Schlagzeilen ĂŒber schwere Gewaltdelikte um EinzelfĂ€lle handeln, doch betrachtet man die KriminalitĂ€tsentwicklung der letzten 10 Jahre genauer, so lĂ€sst sich tatsĂ€chlich feststellen, dass sich die Zahl der ĂŒber 60jĂ€hrigen TĂ€ter seit 2000 verdoppelt hat.
Quelle: Ministry of Justice, Hakusho 2009, S. 21 Link
|
Straftaten sollen in den meisten FĂ€llen, genauer gesagt zu zwei Drittel, Supermarkt-DiebstĂ€hle gewesen sein, bei denen HauptsĂ€chlich Lebensmittel und Dinge fĂŒr den Alltag geklaut wurden.
Laut Regierungsberichten sind vor allem Geldsorgen, Einsamkeit und Schwierigkeiten bei der Pflege von kranken Verwandten Auslöser fĂŒr KriminalitĂ€t unter Ă€lteren Menschen.
Inzwischen haben auch Japans GefĂ€ngnisse begonnen, sich auf die Ă€ltere Klientel einzustellen, beispielsweise durch bauliche MaĂnahmen. Sie werden von jĂŒngeren StraftĂ€tern getrennt, damit sie ihrem Tempo gemÀà ihre Arbeit verrichten können, WaschrĂ€ume bekommen Haltestangen und es gibt Zeiten, in denen Medizin ausgeteilt wird.
⇒ Ein schon etwas Ă€lterer Beitrag von Mario Schmidt vom 23.12.2008 zu diesem Thema: Link
In Japan erreicht momentan die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation der âBaby-Boomerâ das Pensionsalter. Lag die Geburtenquote damals bei 4,3%, so liegt sie heute bei 1,25 %. Mit dieser Generation könnten bis Ende 2010 knapp 7 Millionen Menschen in Rente gehen. Das wĂ€ren fast 10 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
2015 wird nach EinschĂ€tzung des Nationalen Instituts fĂŒr Bevölkerungsentwicklung jeder vierte in Rente sein.
Die bald auf dem Kopf stehende Bevölkerungspyramide stellt das Rentenversicherungssystem vor kaum lösbare Probleme. Dabei hat die Regierung schon die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 65 Jahre beschlossen. Zudem werden Firmen verpflichtet, ihre Mitarbeiter bis 65 weiter zu beschĂ€ftigen. Die Alternative ist, dass sie ihren Mitarbeitern nach der Pensionierung einen neuen Job anbieten. Die meisten Unternehmen wĂ€hlen die Wieder- statt der WeiterbeschĂ€ftigung. Nach der Zwischenpensionierung kann die Firma den Senior auf einem niedrigeren Posten fĂŒr einen Bruchteil des alten Gehalts arbeiten lassen, was sich wiederrum auf die RentenbeitrĂ€ge auswirkt, die der Mitarbeiter spĂ€ter erhĂ€lt.
Der Trend ist damit vorgegeben: weniger Rente, lÀnger arbeiten.
BezĂŒglich der Renten hatte Premierminister Hatoyama Yukio Ende Oktober 2009 ein Statement abgegeben, das sich aber meiner Meinung nach sehr vage verhĂ€lt. So spricht er davon, in den kommenden zwei Jahren intensive Anstrengungen unternehmen zu wollen, âum das Problem der Rentenaufzeichnungen als ânationales Projektâ zu lösen und dabei alles in unserer Macht Stehende tun, um das Vertrauen der Menschen so schnell wie möglich wiederzuerlangen. Wir werden zudem stetige Anstrengungen fĂŒr die Schaffung eines gerechten und transparenten neuen Rentensystems unternehmen, das den Menschen ihre innere Ruhe mit Blick auf die Zukunft wiedergibt. Es ist selbstverstĂ€ndlich wichtig, die Genauigkeit des Systems sicherzustellen, aber wir werden auch darauf abzielen, Reformen fĂŒr eine neue Ăra durchzufĂŒhren, damit das System flexibel genug ist, um mit der zunehmend gröĂer werdenden Vielfalt der Lebensstile der Menschen mitzuhalten und um eventuell auftretende Fehler, ohne sie zu verheimlichen, zu korrigieren.â
RegierungserklÀrung Hatoyama
Das Vertrauen der Leute wieder zu erlangen ist auch bitter nötig, denn das wurde erst 2004 durch einen Rentenskandal getrĂŒbt, bei dem herauskam, dass fĂŒhrende Politiker jahrelang keine PflichtbeitrĂ€ge in die Rentenkasse eingezahlt hatten.
Die Krönung erreichte die unsĂ€glichen Debatte um das Rentensystem im Jahr 2007, als ans Licht kam, dass Behörden mit den Rentendaten geschlampt hatten, und aufgrund technischen Versagens Millionen Japaner angewiesen wurden, ihre RentenansprĂŒche neu nachzuweisen.
VorschlĂ€ge wie Rentenerhöhungen, um alten Menschen ein Einkommen ĂŒber dem Satz der Sozialhilfe zu gewĂ€hrleisten klingen gut, und wenn man in der Lage wĂ€re, die Ăberlebenswahrscheinlichkeit einer Population vorherzusagen und zu kalkulieren, könnte man einen Rentenplan entwickeln, der allen lebenslange BezĂŒge garantiert.
Aber wie soll ein Rentensystem, das sich durch BeitrĂ€ge finanziert, von den zukĂŒnftigen Generationen getragen werden? Bleibt mit Spannung abzuwarten, wie das reformierte Rentensystem unter Hatoyama wohl aussehen wird.
Kategorie: Land – Gesellschaft
February 11th, 2010 by Jeanne | No Comments »